AUF BESUCH BEI DEN MAQUILAS

Im Juli dieses Jahres organisierte der Verein Frauensolidarität eine Frauen-Informationsreise nach Nicaragua und El Salvador. Thematischer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit der Arbeitsrealität von Frauen in den Freihandelszonen und das gewerkschaftliche und frauenpolitische Engagement arbeitender und erwerbsloser Frauen.
Ein Bericht von Claudia Thallmayer

Auf dieser Reise, an der 12 Frauen aus Österreich und der Schweiz teilnahmen, trafen wir mit verschiedenen Frauenorganisationen und Gewerkschaften in Nicaragua und El Salvador zusammen. In Managua war die Frauenorganisation "María Elena Cuadra" (MEC) unsere Hauptansprechpartnerin, die Arbeiterinnen in der am Stadtrand von Managua gelegenen Freihandelszone "Las Mercedes" organisiert und unterstützt. Über die Kontakte dieser Frauenorganisation konnten wir gleich am zweiten Tag in Managua eine Firma in "Las Mercedes" besuchen: die italienische Schuhfabrik Ecco, die in Nicaragua vorwiegend für den US-amerikanischen Raum produziert.

Der Produktionsleiter von Ecco, Juan Acosta Guillén, hält zwar manches im Betrieb für verbesserungswürdig, meint aber auch: "Wir sind keine Ausnahme, es ist normal, so zu produzieren."

Gratwanderung der Frauenorganisationen

Während Acosta ebenso wie Lucien Benoit, der Sprecher der Freihandelszone, auf die Bedeutung der Arbeitsplätze hinweist, die durch die Maquila-Industrie geschaffen worden sind, stellt sich die Realität aus der Sicht der Beschäftigten weniger rosig dar. Die Maquila-Industrie bietet zwar Arbeit, aber es ist auch sehr leicht, sie wieder zu verlieren. Die Zahl jener, die jede Woche vor dem Eingang der Zone auf der Suche nach Arbeit Schlange stehen, ist groß.

Sandra Ramos, Leiterin der Frauenorganisation María Elena Cuadra, die sich für die Rechte der Frauen in "Las Mercedes" einsetzt, betrachtet ihre Arbeit oft als eine Gratwanderung. "Es herrscht große Angst, dass unsere Bemühungen für bessere Arbeitsbedingungen die ausländischen Investoren abschrecken und dass sich diese dann zurückziehen und nicht mehr weiter investieren wollen."

Josefa Rivera, Mitarbeiterin bei MEC und Promotorin in der Zona Franca, formuliert die Forderungen der Frauen so: "Wir wollen einen Arbeitsplatz! Wir sind nicht dagegen, dass die transnationalen Unternehmen hierher kommen. Aber wir wollen, dass sie die Würde derjenigen, die für sie arbeiten, respektieren!"

Verbesserungen durch Öffentlichkeitsarbeit

Trotz nach wie vor bestehenden Repressionen hat es seit 1997 aufgrund der intensiven Organisations- und Öffentlichkeitsarbeit der Gewerkschaften und der Frauenorganisation "María Elena Cuadra" einige Verbesserungen gegeben. Die zentralamerikaweite Kampagne "Arbeit ja, aber in Würde", die besonders in Nicaragua sehr aktiv betrieben wurde, hat immerhin zu einem Rückgang der Beschwerden über Gewalt und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geführt.

Dennoch sind Schikanen und psychischer Druck keine Seltenheit. Und auch die Bezahlung ist noch immer viel zu niedrig: In den jüngsten Lohnverhandlungen – den ersten seit Jahren - konnte lediglich eine Erhöhung des Mindestlohns von 500 auf 800 Córdoba (öS 930,-) erreicht werden, ein Betrag, der bei weitem noch nicht an das von der Sandinistischen Textilarbeitergewerkschaft geforderte existenzsichernde Niveau von 1.500 Córdoba (öS 1.740,-) monatlich heranreicht.

Maquila-Boom in El Salvador

Während die nicaraguanische Freihandelszone rund 16.000 Frauen (ca. 8% aller regulär Beschäftigen bei sehr hoher Arbeitslosigkeit) Beschäftigung bietet, ist die Bedeutung der salvadorianischen Freihandelszonen für die nationale Ökonomie weitaus größer. 1998 waren in El Salvador 71.427 ArbeiterInnen (was einem Anteil von rund 10% aller regulär Beschäftigten entspricht) in 237 steuerbefreiten Betrieben angestellt, überwiegend Frauen. Der Maquila-Boom hält hier bereits seit mehreren Jahren an, und die Textil- bzw. Bekleidungsindustrie zählt mittlerweile zu einer der wichtigsten Exportbranchen.

Auch in El Salvador hörten wir von Regierungs- und Unternehmerseite, wie wichtig die Maquila-Industrie für die Schaffung von Arbeitsplätzen sei. Wirtschaftsminister Miguel Lacayo, der einen strikt neoliberalen Kurs fährt, erläuterte uns auf die Frage der fehlenden Staatseinnahmen wegen der Steuerbefreiung der Maquila-Betriebe, daß "Steuereffekte derzeit unwichtig" seien. Was zählt, sind allein die Arbeitsplätze - und die Profite.

Extremer Arbeitsdruck

Wie die Arbeitsrealität in den salvadorianischen Freihandelszonen aussieht, schilderten uns drei ehemalige Maquila-Arbeiterinnen, die sich in der salvadorianischen Frauenorganisation Mélida Anaya Montes (MAM) organisiert haben. Sie berichteten von großem Arbeitsdruck und dauernden Problemen bei der Auszahlung von Überstunden oder Akkordprämien.

Obwohl die Frauen jahrelang so viel wie nur irgend möglich gearbeitet haben, konnten sie keinerlei ökonomische Verbesserung für sich und ihre Kinder erreichen. Mit Unterstützung von MAM haben sie sich nun vor kurzem selbständig gemacht und hoffen, dass sich für die in ihrer Nähwerkstatt "sauber" produzierten Textilien genügend KäuferInnen auf dem heimischen Markt finden werden werden.

In einer 1998 von der Menschenrechtsanwaltschaft herausgegebenen Studie zu "Menschenrechte und Maquila-Industrie in El Salvador", die uns die engagierte vormalige Menschenrechtsanwältin Marina de Avilés zur Verfügung stellt, sind die gravierenden Missstände und groben Verletzungen des Arbeitsrechts in den Freihandelszonen detailliert aufgelistet. So werden 64% der ArbeiterInnen unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 1.155 Colones (öS 1.765,-) monatlich bezahlt. Mehr als 30% der ArbeiterInnen verfügen über keinen Arbeitsvertrag und 48% der ArbeiterInnen arbeiten regelmäßig zwischen 45 und 60 Stunden pro Woche, obwohl die reguläre Wochenarbeitszeit 44 Stunden beträgt. Gewerkschaftliches Engagement ist kaum möglich; auch die Arbeiterinnen, mit denen wir gesprochen haben, klagen über Repressalien gegenüber den Beschäftigten, von denen vermutet wird, daß sie mit der Gewerkschaft oder mit einer Frauenorganisation zu tun hätten.

Unkonventionelle Organisationsformen

Dazu kommt, daß das Interesse der Arbeiterinnen, sich gewerkschaftlich oder in anderer Weise politisch zu engagieren, nach einem Jahrzehnt des Bürgerkriegs in El Salvador sehr gering ist. Die Gewerkschaften - traditionell männlich dominiert -, sind kaum in der Lage, die Arbeiterinnen für ihre Organisationen zu gewinnen. Es ist dieses Vakuum, in dem Frauenorganisationen begonnen haben, Maquila-Arbeiterinnen zu organisieren, indem sie auch nicht-traditionelle Wege eingeschlagen haben.

Die "Organisation salvadorianischer Frauen" (ORMUSA) etwa arbeitet mit Frauen in den Siedlungen an ihrem Wohnort, da viele Frauen aufgrund ihrer Doppelbelastung kaum Zeit haben, zu Versammlungen ins Stadtzentrum zu fahren. Die Annäherung an Arbeiterinnen findet bei ORMUSA auch über Fragen der Haushaltsökonomie, wie der Ausstattung mit einfachen energiesparenden Herden oder der Lösungssuche für Probleme bei der Wasserversorgung oder der Kanalisation in den Gemeinden statt. Die Frauenorganisationen MAM oder MEC (in Nicaragua) legen in ihrer Arbeit wiederum ein Schwergewicht auf die Arbeit gegen Gewalt und Aufklärung über Verhütungsmethoden und Sexualität - Themen, die für die jungen Maquila-Arbeiterinnen von großem Interesse sind.

Internationale Kampagnen

In den Gesprächen mit den Frauen- und Gewerkschaftsorganisationen diskutierten wir auch, ob internationale Kampagnen imstande sind, einen effektiven Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu leisten. Die Meinungen hierzu waren insofern kontroversiell, als einige der AktivistInnen meinten, Druck aus dem Ausland wäre äußerst hilfreich, während andere die Kritik formulierten, dass sie als lokale Organisationen mitunter zu wenig in die Planung von Kampagnen involviert würden und dass sie bei massiver Kritik an einem einzelnen Unternehmen vor dem Problem der Verlagerung der Produktion und damit verbunden der Entlassung der ArbeiterInnen stünden.

Daraus kann das Resümee gezogen werden, dass Unterstützung aus dem Ausland in Form von Druck auf Regierungen und Unternehmen vor allem dann hilfreich ist, wenn es vor Ort Organisationen gibt, die selbst formulieren, welche Art von Unterstützung sie sich wünschen, und die in der Lage sind, den entstehenden Druck aus dem Ausland zur Umsetzung ihrer Anliegen zu nutzen. Wenn es diese Organisationen nicht gibt bzw. sie nicht gestärkt werden, werden von der Unternehmerseite her maximal einige kosmetische Änderungen vorgenommen, aber es werden keine nachhaltigen Verbesserungen erreicht. Diese Erkenntnis heißt für uns auch, dass uns - wie auch schon bisher - der direkte Kontakt mit und die direkte Unterstützung von Gewerkschafts- und Frauenorganisationen ein besonderes Anliegen bleiben wird.

(Anmerkung: Die auf der Frauenreise gewonnenen Informationen wurden von mehreren Teilnehmerinnen publizistisch in Form von Radiobeiträgen (Judith Brandner) und Zeitschriftenartikeln (Sandra Rodríguez, Evelyn Hödl, Susanne Blättler, Gabi Allheilig und C.T.) verarbeitet und so in Österreich und der Schweiz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.)

http://www.oneworld.at/cleanclothes/rundbrief11.htm#4


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